Eine Volkssage von Prokop Schmitt (1866)

Vor uralten Zeiten, als noch die Vohburge das Schloss und Landschaft Elbogen besaßen, fand ein armer Bauer, welcher in das Schloss Frondienste leisten ging, dort, wo jetzt der Hochaltar der Schlaggenwalde Kirche sich erhebt, zwischen zwei großen Steinen ein wimmerndes neugeborenes Knäblein. Mitleidig hob er es auf und nahm es mit sich. Nach seiner Ankunft im Schloss begab er sich unverweilt zur Markgräfin Johanna und sprach:

„Es ist Brauch, beim Erscheinen auf dem Schloss eine Gabe mitzubringen. Ich habe heute, als ich zur Fron ging, dieses Kind gefunden und übereiche es euch als Gabe. Möget Ihr es barmherzig aufnehmen und seiner besser pflegen, als die eigene Mutter es tat!“

Der Markgräfin gefiel diese rede, sie nahm sich des Knäbleins an und ließ ihm in der Taufe den Namen Hans geben, nach seinem Finder aber erhielt er dazu den Familiennamen Heilling.

Hans Heilling wuchs unter dem liebereichen Schutze der Markgräfin zum stattlichen Jüngling heran, der an Wissenschaften mehr Gefallen fand als an den Ritterspielen. Er liebte die Einsamkeit, und sein Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, aller Wahrheit Urgrund zu erforschen; unablässig strich er in Wald und Flur umher.

Einstmals saß er an des Flusses Rand und blickte gedankenvoll in die dunkle Flut. Da rauschte aus ihr ein weibliches Wesen hervor, so schön und hold, dass seine trunkenen Augen sie allein nur sahen, und die übrige Welt für ihn nicht mehr bestand. „Traun“, flüsterte sie ihm zu, „Ich kenne deines Herzen Kummer, die schwarze Kunst ist dein Begehr. Ich will sie dich lehren, doch nur unter der Bedingung, dass du dich nie vermählst.“

Hans Heilling, bezaubert durch das Weibes Schönheit und die Hoffnung, am heiß ersehnten Ziele zu sein, schlug unbesonnen ein. Das Wasserweib hielt Wort, und Hans wähnte sich der Glücklichste unter der Sonne, als er des Wissens Drang erfüllt sah.

Es verging so manches Jahr, da rückte auch seine Stunde heran: Ein schönes, irdisches Mädchen, das er bei seinen Wanderungen im Gaue der Vohburge erblickte, machte ihm den geschlossenen Bund zur Qual. Vertrauend auf seine Kunst, hoffte er, des geheimnisvollen Wesens macht zu hemmen und veranstaltete die Hochzeit. Schon stand der Brautzug vor dem Altare, eben wollte das glückliche Paar das Jawort sprechen, - da erhob sich das erzürnte Wasserweib aus der brausenden Eger und verwandelte durch seinen Fluch alles in Stein: den Priester, das Brautpaar, die Hochzeitgäste, die Spielleute und den Hochzeitwagen.

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